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ACHT TAGE STREETFOTOGRAFIE MIT DER RICOH GRIIIx HDF IN NEAPEL

[ v e s p i n i ] © serdar ugurlu 2025

Ich empfinde desolate Orte und Dinge auf eine seltsame Art und Weise anziehend, interessant und damit eben auch fotogen.

Ich meine damit Orte oder Dinge, die sich in einem Zustand fortgeschrittenen Verfalls befinden, in so einer Art Zwischenzeit.

In einem Zustand von Sein und Nichtsein. Ich mag es, wenn man sehen kann, dass etwas dem Leben ausgesetzt war. Desolates ist für mich ein Zeichen dafür, dass etwas dem Leben ausgesetzt war.

[ s h a d o w y ] © serdar ugurlu 2025
[ s h a d o w y ] © serdar ugurlu 2025

Das Leben hat so eine Tendenz, an Dingen und Menschen zu „nagen“.

“Beauty is sad, for it fades“ Mark Lawrence | Book of the Ancestor 3

Ich mag es, wenn man Dingen ansieht, dass sie irgendwann einmal sehr schön und unbeschädigt gewesen sein müssen. Ich mag es, wenn man im Zustand fortgeschrittenen Verfalls noch die ursprüngliche Schönheit darin erkennen kann.

[ g r a n d v i s t a ] © serdar ugurlu 2025
[ g r a n d v i s t a ] © serdar ugurlu 2025


In Japan nennt sich diese Faszination für das „verlebte“ Wabi-Sabi.
Ich liebe Wabi-Sabi.

Besonders faszinierend ist für mich dabei die Praxis des Kintsugi, in welcher zerbrochenes Steingut so restauriert wird, dass die Bruchstellen mit Gold und Urushi-Lack zu neuem Leben erweckt werden. Hier wird der Schaden nicht versteckt, er wird zu etwas Wertsteigerndem.

DIE RAUE SCHÖNHEIT NEAPELS

Neapel ist eine vielschichtige Stadt mit einer langen Geschichte und man sieht, dass die Stadt ganz eindeutig ihre Aufs und Abs gehabt hat. Neapel gilt in Italien als sozialer Problemfall.

Viele der Gebäude der Altstadt sind stille Zeugen einer prunkvollen Zeit im 18. Jahrhundert. Die Häuser sind reich verziert und mit vier bis fünf Stockwerken sehr hoch.

Man hatte damals die Mittel und Möglichkeiten, seinen Stand in schöner Architektur zu manifestieren.

Heute sieht es wirtschaftlich nicht mehr so gut aus, Neapel gehört zu den ärmeren Landstrichen Italiens.

[ d i m i n i s h m e n t ] © serdar ugurlu 2025
[ d i m i n i s h m e n t ] © serdar ugurlu 2025

Die Stadt ist arm und die Mittel für aufwändige Renovierungen fehlen an allen Ecken und Enden. Die einstmals so prachtvollen Gebäude haben hier und da an Schönheit und Bausubstanz eingebüßt.

Aber die Menschen stemmen sich mit ihren bescheidenen Mitteln gegen den Verfall. Überall findet man Streetart und witzige Stadtmöblierungen, die ganz eindeutig aus der Nachbarschaft von den Bewohnern der Viertel erschaffen wurden.

Man ist arm, aber man lässt sich nicht gehen!

[ g o d s h e i s b e a u t i f u l ] © serdar ugurlu 2025
[ g o d s h e i s b e a u t i f u l ] © serdar ugurlu 2025

Die Menschen hier haben nicht resigniert, man hat sich nicht vergessen und erst recht nicht aufgegeben.

Man begegnet dem Leben hier auf eine herzliche und ironische Art und Weise.

Das ist eine Eigenart, für die ich große Sympathien hege.

STOLZ UND GLAUBE

Die Neapolitaner sind stolz auf ihre Stadt, die sie liebevoll „Napule“ nennen.

Auch wenn man hier nicht mehr die Mittel hat, die Stadt in Schuss zu halten, lässt man es eben nicht zu, dass Dinge wie Hässlichkeit und Trostlosigkeit die Überhand gewinnen.

Bröckelt der Putz, schaut man, dass der Verfall zumindest farblich interessant anzusehen ist.

Hat die Stadtverwaltung eine Wand mit dunkelgrauer Tünche renoviert, schaut man, dass es Inseln der Farbe in einem Meer von totem Grau gibt.

In diesem Spannungsfeld aus amtlich verordnetem Mittelgrau und nachbarschaftlichem Kunstverständnis entstehen fotografische Möglichkeiten, die dem Streetfotografen das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen.

Was mir während meiner Zeit in Neapel aufgefallen ist, ist der Umstand, dass die Menschen hier sehr fromm sind.

Kirchenobere tauchen häufig als Karikaturen und als Spottbilder auf, Jesus Christus und Mutter Maria hingegen zieren sehr häufig Schreine.

Man ist gottgläubig hier.

Eine entspannte Volksfrömmigkeit, die einen großen Anteil an der ästhetischen Erscheinung der Stadt hat.

STREETLIFE IN NAPOLI

Die engen Gassen und Straßen Neapels sind niemals langweilig, die einzelnen Viertel haben alle Dinge des täglichen Lebens in der Nähe, die Baccalerias, Fleischereien und Quartiersmärkte sind in den Nachbarschaften verwoben.

Die Menschen kennen sich und man trifft sich beim Einkauf und tauscht den neuesten Klatsch und Tratsch aus.

Fester Bestandteil des Stadtbildes sind die Vespas, die hier Transportmittel numero Uno sind. Jeder fährt hier Vespa, sogar 13-jährige Jungs mit der Schwester auf dem Sozius fahren durch die engen Gassen, als gäbe es kein Morgen mehr.

Die Straßen sind gespickt mit inhabergeführten kleinen Restaurants und Cafés. Man ist gesellig, trinkt und isst gerne zusammen mit der Familie oder mit Freunden.

Überhaupt sind die Straßen und Gassen der Stadt eine einzige Parade von fotografischen Gelegenheiten. Das steil einfallende Licht in Verbindung mit den oft sehr warmen Farben der Hauswände erzeugt harte Kontraste von Licht und Schatten.

Hier bietet sich für den aufmerksamen und geduldigen Fotografen eine Fülle an Motiven.

ARBEITEN MIT DER RICOH GRIIIx HDF

Wenn ich was gelernt habe in meiner Fotografie, dann ist es der Umstand, dass man mit Werkzeugen arbeitet, die auf eine bestimmte fotografische Aufgabe hin optimiert sind.

Jede Kamera hat ihre Vor- und Nachteile.

So ist meine Vollformat-Pentax K–1 ein herausragendes Werkzeug, um technisch hervorragend realisierte Landschaftsfotografie mit enormer Detailfülle zu erschaffen. Das kompakte, enorm agile und leichte Olympus-Equipment ist dazu erschaffen, unbeschwert und sehr flexibel als Reportagekamera und Video-Equipment zu dienen.

Die GRIII ist eine kleine, extrem kompakte und unglaublich unauffällige Kamera, die mit einem APS-C-Sensor und einem extrem scharf abbildenden 40-mm-Objektiv am Handgelenk spontan und einhändig Fotos macht.

In Neapel war ich zum ersten Mal ausschließlich mit der GRIIIx unterwegs.

Dass dieses kleine Gerät mir so schnell ans Herz wachsen würde, hätte ich überhaupt nicht für möglich gehalten! Vor dem Kauf habe ich mich immer gefragt, was es mit diesem Hype und der Begeisterung rund um die GR eigentlich auf sich hat.

Die Kamera hat eine Anhängerschaft, die sie auf Händen hält und regelrecht anbetet.

Das Ding mit derlei Dingen ist, dass man derartige Phänomene eigentlich gar nicht so richtig fassen und erklären kann! Warum sind die Leute so begeistert von einer Kamera, die nicht sonderlich schön und nicht sonderlich potent aussieht?

Ich kann hier schwerlich was dazu sagen, warum sie von allen so geliebt wird. Ich für meinen Teil liebe sie, weil sie kompromisslos darauf ausgerichtet ist, von einem Moment auf den anderen ein Foto zu machen.

Die Kamera ist klein und anschmiegsam genug, um an einer Handschlaufe im Handballen gehalten zu werden. Und sobald das Leben mich anlächelt, ist sie eingeschaltet, ausgerichtet und das Foto belichtet.

Alles mit einer Hand, alles total unbeschwert und mit einer Bildqualität, dass es einem das Herz erfüllt. Als die GRIII mit dem HDF-Filter vor etwas über einem Jahr herauskam, waren viele irritiert, ob das mit dem Hi-Light-Diffusionsfilter sinnvoll ist oder nicht.

WAS BRINGT DER HDF-FILTER IN DER GR?

Ich habe meinen fotografischen Weg mit der analogen Fotografie auf Diafilm begonnen und die vielen Vorteile der digitalen Fotografie lieben gelernt.

Es gibt jedoch einen Aspekt in der Digitalfotografie, der mich immer gestört hat.

Es ist dies die Eigenart von digitalen Sensoren, die Lichter im Tonwertbereich von 249–255 also von den sehr hellen Lichtern bis ins Weiß, sehr hart, sprich abrupt und harsch, abzubilden.

Die Lichter rollen nicht so schön ab wie bei Dia und noch schöner bei sehr guten Negativfilmen wie Kodak Portra.

Das erzeugt so eine klinische digitale Schockhärte, die mich immer schon sehr gestört hat. Und hier kommt dann der HDF-Filter der GR ins Spiel. Es handelt sich hierbei um einen Diffusionsfilter, der in den Lichtern so wirkt, dass um die Lichter sogenannte Halos gebildet werden.

Der Filter ist vor dem Sensor platziert, was den großen Vorteil hat, dass der Formfaktor der Kamera nicht verändert wird. Zusätzlich ist so sichergestellt, dass optische Aberrationen wie Ghosting oder Flare nicht die Bildqualität reduzieren. Man kann den Filter nach Gusto über einen dedizierten Knopf an- und abschalten. Für mich ist die Diffusionsstärke des verbauten Filters genau richtig gewählt.

Gerade in sehr kontrastreichen Situationen wirken die Fotos sehr ätherisch. Lichter leuchten einfach schöner. Die Bilder sehen weicher und angenehmer aus, ohne an Detailfülle einzubüßen. Ich liebe das sehr.

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