Wenn ich erzähle, dass ich eine Reise nach Neufundland unternehmen werde, fragen viele Leute, wo das denn sein. Zu recht. Neufundland hat man in Europa nicht sofort auf den Schirm. Die zweite Frage, nachdem klar ist wo Neufundland nun liegt kommt die Frage: „ist es dort nicht kalt?“
Die Insel Neufundland, südlich von Labrador gelegen, wird von dem kanadischen Festland durch den Stank-Lorenz-Golf getrennt. Die Region zählt zu der Subarktis und ist geprägt vom Klima einerseits arktischer Luftmassen, andererseits vom abgekühlten Golfstrom. Es ist die östlichste Provinz Kanadas.
Wenn im Juni der Sommer Einzug hält, beginnen Lupinen zu blühen.
Ein typischer Tag auf Neufundland kann heute grau sein, mit starker, dichter Bewölkung, bei 7C° und eiskaltem Wind aus der Arktis. Morgen scheint die Sonne, Vögel zwitschern und der Wind aus Südwesten bring 23°C mit und das T-Shirt kann ausgepackt werden.
Auf der geografischen Breite Mitteleuropas gelegen sind die Temperaturen deutlich kühler. Eis und Schnee sind im Winter dominierend. Regen, Wind und Nebel prägen ausserhalb der Sommermonate die Insel.
Die Newfies nennen Ihre Insel „The Rock“ und das Wetter hier kurz DRF: Drissel, Rain and Fog.
Vor vielen Jahren habe ich bei einem Flug in den Südwesten der USA die winterliche Küste von Labrador und Neufundland überflogen. Beim Blick aus dem Flugzeugfenster dachte ich mir damals, dort unten zu fotografieren ist bestimmt ein Erlebnis.

Als ich dann im vergangenen Jahr Fotos von Neufundland mit den Eisbergen und Felsenküsten sah wusste ich, dort muss ich hin.
Die Vorbereitung auf die Reise hinsichtlich der möglichen Fotolocations, den passenden Bedingungen und Ephemeriden hat gute 2 Wochen Arbeitszeit in Anspruch genommen. Dazu kamen nochmal die Kalkulationen der Fahrstrecken, möglichen Unterkünfte finden und planen, die optimale Route finden mit gut 4 Arbeitstagen hinzu.
Dann habe ich die Scoutingreise organisiert, Flüge, Mietwagen und Unterkünfte gebucht.
Und nun ist es soweit, ich bin auf Neufundland.
Wohin das Auge schaut, egal, wie viele Stunden man durch die endlose Landschaft fährt, überall ist man umgeben von borealem Wald. Tannen, Schwarzfichten, Birken und Espen bilden ein undurchdringlich scheinendes Grün. Ständig taucht ein See auf, überall ist Wasser. Omnipräsent ist the Rock; Felsen wohin man sieht.

Neufundland ist flächenmäßig mit runden 110.000 km² mehr als doppelt so groß wie die Schweiz. Die Fahrstrecken sind weit. In den neun Tagen meines Aufenthalts konnte ich nur einen kleinen Teil der Insel bereisen. Dabei habe ich mich immer an der östlichen Küste entlang gen Norden vorgearbeitet. Meine im Vorfeld erstellte Sammlung potentieller Fotolocations übersteigt bei weitem meine verfügbare Zeit. Man ist einfach sehr lange unterwegs, mehrere Fotospots an einem Abend abzuarbeiten ist fast nicht möglich. Immer an der richtigen Location zu sein, bei der das Licht einzigartig ist, ist nicht machbar. Es ist eine Reise zum Scouten!
Was macht nun Neufundland zu meinem gewählten Reiseziel zum Fotografieren?
Mich erwarten einmaligen Küstenlandschaften. Schroffe Klippen, tosende Brandung, Fichtenwälder bis an die Küstenlinie. Am Ende einer Halbinsel finden sich oft schöne Leuchttürme.
Im Zeitraum zwischen April und Juni ziehen an der Nordküste Eisberge aus Grönland kommend auf der Iceberg Alley vorbei und stranden oft in den Buchten.

Diese wunderschönen Fragmente des Grönland-Eises entstehen beim Kalben der Gletscher. Sie werden mit der Strömung aus dem südlichen Grönland in den Norden über die Baffin Bay getrieben, um dann an der Küste Labradors wieder in Richtung Süden zu driften. Diese Reise kann zwischen zwei und drei Jahren dauern. Am Ende ihrer Reise ziehen sie an der Küste Neufundlands vorbei in südlicher Richtung oder finden ihr Ende in einer der Buchten.
Das Meerwasser hat hier in dieser Zeit eine Temperatur zwischen 5°C und 7°C. Sind die Berge einmal in einer Bucht gelandet, ziehen sie nur noch langsam. Ihr Weg wird vom vorherrschenden Wind und der Strömung bestimmt. Im Laufe der Zeit brechen sie unter extrem lautem, dumpfen Knallen auseinander und schmelzen schließlich. Wenn man Glück hat, kann man kleine Eisbrocken aus dem Wasser fischen und sich an dem Gefühl der Kälte in der Hand und dem Geschmack tausend Jahre altem Gletschereises versuchen. Es schmeckt klar, wie frischer Schnee und pur nach Arktis.

Wer hier her kommt um Eisberge zu sehen kann sich ebenfalls an der Brut der Papageientaucher erfreuen. So volatil die Bedingungen für die Eisberge sind, so differenziert ist auch das Eintreffen der Puffins.
Ich bin in der ersten Junidekade auf der Insel. Mein erster Besuch an einem der Puffin-Felsen fällt ernüchternd aus. Auf einem großen Felsen im Meer, entkoppelt vom Festland, sind einige Tiere bereits am Brüten. Sie fliegen in ihrer tapsigen Art von den Felsen raus auf den Atlantik. Mit meinem Teleobjektiv und den 400mm Brennweite am Ende kann ich nur Belegbilder machen. Es bleiben dunkle Pixelklumpen auf dem Bild.
Zwei Tage später erfahre ich im Bed & Breakfast von anderen Gästen, sie konnten einen Tag zuvor tausende Tiere sehen.
Es braucht also als nur 2 Tage, um aus einem Misserfolg einen Erfolg zu machen?
Als ich wieder hier ankomme ist der Felsen in der See übervoll mit Puffins. Einige Tiere suchen bereits nach Ausweichmöglichkeiten und sind auf der kleinen Halbinsel vor mir gelandet. Direkt vor meinen Füßen beginnen sie mit dem Nestbau. Sie Balzen, verschwinden in den Bruthöhlen und fliegen zum Fressen raus aufs Meer. Sie nehmen von den Menschen in der Nähe keine Notiz. Wie ein instinktives, genetisches Programm scheint ihre Prozedur mit Nestbau, Balz und Brüten abzulaufen.

Ein Lebenstraum erfüllt sich für mich. Das realisiere ich, als ich auf dem Bauch liegend diese kleinen Wesen mit Freude und Wärme im Herzen beobachte.
Gibt es etwas Schöneres, als hier über Stunden auf dem Gras zu sitzen und Papageientaucher zu beobachten und sich nicht um den Faktor Zeit zu kümmern? Es ist die positive, schönste und oppulenteste Art Zeit zu verschwenden.
Die Eisberge
Meinen ersten Eisberg im Leben sehe ich von weitem in der Bucht von Bonavista liegen. Umgehend halte ich das Auto an und mache die ersten Fotos, sicher ist sicher. Ich kann das alles noch nicht einschätzen. Wie lange bleiben sie hier, schmelzen sie schnell weg?
Den kommenden Vormittag verbringe ich dann wieder bei den Eisbergen. Das Wetter ist trüb, sehr windig und kalt. Jetzt ist genügen Zeit, mit verschiedenen Brennweiten und Belichtungszeiten zu arbeiten. Der Versuch das Wasser mittels eine Langzeitbelichtung zu glätten führt dazu, dass die Eisberge unscharf werden. Aha, es lebt also. Sie bewegen sich minimal im welligen Atlantik. Die Brain-App sollte bei Benutzung einem das mitteilen.
Meine Vision von Eisbergfotos ist es, landschaftliche Elemente wie Felsen, Bäume, Häuser in das Foto zu integrieren, um die Dimension in ein Verhältnis zu setzen. An diesem Tag gelingt es mir nicht.

Als ich am Abend am Leuchtturm für den Sonnenuntergang sitze und in der Ferne die Eisberge sehe fällt mir auf, dass der Wind die Eisberge vom Mittag bereits raus aufs Meer getrieben hat.
Wider erwarten sehe ich am kommenden Tag wieder Eisberge in selbiger Bucht. Die Berge der Vortrage sind auseinander gebrochen und treiben in kleinerer Form auf dem Wasser. Sie haben sich in ihrer Form komplett verändert. An diesem Abend ist das Licht mit mir und ein farbiger Himmel verabschiedet mich.

Meine Wünsche von Eisbergfotos mit Häusern, Felsen und Hügeln konnte ich in Twillingate erfüllen. Aus der Ferne sehe ich Eis schillern. Ein kurzen Check der Umgebung und Gegebenheiten leitet meine Standpunkt mit dem Stativ schnell und sicher. Hier muss ich stehen! Im Hintergrund liegt ein etwa 5-7 Meter hoher Eisberg, die Wolkenschichten am Horizont sind schön gefärbt.

Ich taste mich mit den Belichtungszeiten an das machbare Maß heran. Je länger der Verschluss offen bleibt, desto eleganter ruht das Eis auf dem glatten Ozean. Es gilt herauszufinden, ob das Eis nun auf Grund liegt oder sich doch bewegt. Nachdem ich meine Fotos mit Freude im Herzen gemacht habe denke ich mir noch, da fahre ich kurz rüber. In der gegenüberliegenden Bucht kann ich dann mit dem Weitwinkel-Objektiv schön den Vordergrund einbeziehen.
Als ich nun da drüben stehe bin ich überrascht. Die Brennweite von 400mm am Kleinbild hat die Kulissen so sehr verdichtet, dass ich die Distanzen zum Eisberg falsch eingeschätzt habe. Als ich mit der Drohne raus fliege, um näher an das alte Eis heranzukommen zeigt sich, dass die Entfernungsskala am Controller 980m zählt.

Überhaupt sind Aufnahmen mit der Drohne eine andere Dimension. Erst von hier oben kann man hinunter ins Wasser sehen und die sprichwörtliche Spitze des Eisberges und die unter Wasser befindliche, weitaus größere, Eismasse erkennen. In einer Filmsequenz habe ich erst am Rechner feststellen können, das in der Flachwasserzone an der Eisbergbasis ein Blauhai schwimmt.
Das Verhalten erkläret sich mir, da ich auf weiteren Fotos gesehen habe, dass Robben gern auf dem flachen Eis liegen und diese Zone perfekt zur Jagd taugt.
Am Ende bin ich in den neun Tagen vor Ort runde 1850km gefahren. Eine Soutingreise ist kein Zuckerschlecken. Obwohl genügend Zeit am Nachmittag bleibt etwas auszuruhen, wird die leere Zeit mit der Vorbereitung auf die Locations, der Wetterprognose, dem Sichern der RAW-Files und dem Footage gewidmet. Irgendwann bekommt der Rasieren mal Kontakt mit dem Gesicht und Duschen wird dem Tagesablauf untergeordnet, irgendwann, wenn mal Zeit ist. Die Tage sind lang. Zum Sonnenaufgang bin ich gegen 03:45 Uhr aufgestanden und nach Sonnenuntergang, gegen 21:15 Uhr, spät ins Bett gefallen.
Das alles, um die Choreographie für eine gelungene Fotoreise für die kommenden Jahre zu erstellen.
Raik















































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